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Lange Zeit galt China nur als die Werkbank des Westens. Inzwischen ist das Land auch wirtschaftlich zu einer Supermacht geworden. Wo damals genäht wurde, entsteht heute Innovation. Früher führten die USA und Europa auf diesem Feld, doch heute stellen wir uns als Europäer die Frage: Innovation in China gegenüber der EU – werden wir abgehängt?
Was wir wissen müssen
Beginnen wir am Anfang. Dass sich Chinas Stellung in der Welt in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verändert hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Das Land wächst nicht nur bei der Bevölkerung, sondern vor allem bei der Wirtschaftsleistung. Das wirkt sich in mehrfacher Hinsicht positiv auf das Land, seine Bewohner und seine politische Stellung aus. Die enorme Leistungsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft hat eine stabile Mittelschicht hervorgebracht, und die Teilhabe am Welthandel verschafft China erheblichen politischen Einfluss. Woher aber kommt dieser Aufschwung? Während der Westen China lange als Land der billigen Produktion genutzt hat, sind dort Wissen und Fähigkeiten entstanden, die das Land heute für die eigenen Interessen einsetzt. Und daraus entsteht nicht nur Wert, sondern auch Innovation.
Der Ursprung des Wissens außerhalb von EU und USA
Europa und die USA waren lange führend in Bildung, Wissen und den daraus erwachsenden technologischen Kompetenzen und Standards. Was einst den reichen Ländern vorbehalten war und von ihnen geschützt wurde, ist heute über das Internet für alle zugänglich.
Der technologische Wandel hat zur Informationsrevolution geführt, die alle Bereiche des menschlichen Lebens grundlegend umgeformt hat. Informationen stehen in einem Umfang zur Verfügung, den es nie zuvor gab. Mehr als vier Milliarden Menschen (die Hälfte der Weltbevölkerung) haben Zugang zum Internet und damit Zugang zu kostenloser Bildung, zu Wissen und häufig zu Arbeit in einer globalen Wertschöpfungskette. Das hat die Weltwirtschaft beschleunigt, eine effizientere Arbeitsteilung ermöglicht und Hunderte Millionen Menschen aus der Armut geführt.
Vor allem gilt das für Afrika und Asien. Damit haben sich zugleich die globalen Kräfteverhältnisse verschoben: Die Einteilung in Industrie- und Entwicklungsländer ergibt wirtschaftlich immer weniger Sinn. Viele einstige Entwicklungsländer übernehmen heute die Führung in der Weltwirtschaft. Selbst das Silicon Valley, die Wiege der Informationsrevolution, wird vom Innovationsökosystem in China überholt. Deshalb steht die Art, wie wir heute Arbeit organisieren und Wert erzeugen, grundlegend infrage – gleich, welche Branche man betrachtet.
Innovation China vs. EU: Hängt China Europa bereits ab?
Was bedeutet dieser Wandel also für uns? Wer die Innovation in China vergleichen will, sollte einige Daten kennen. Erhoben und veröffentlicht hat sie die OECD. Sie bezeichnet China darin als R&I powerhouse. R&I steht für Research & Innovation und ergibt einen Index, mit dem sich Länder international vergleichen lassen. Von besonderem Interesse sind dabei die Investitionen der jeweiligen Länder in Forschung und Innovation. Als Bezugsgröße dient der Anteil des Bruttoinlandsprodukts, der in R&I fließt. Nach einer Erhebung der OECD liegt dieser Wert seit 2015 über den Investitionen der EU. China bleibt damit zwar hinter den eigenen Erwartungen zurück, doch der steigende Trend bei den Investitionen hält an.
Die Investitionen wirken sich auf die Innovation in China aus. Chinas wissenschaftliche und technologische Leistung ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Besonders sichtbar wird das bei Veröffentlichungen und Patenten. Daten von Elsevier weisen die Anteile der USA, der EU und Chinas an den meistzitierten Veröffentlichungen aus. Während die EU auf stabilem Niveau mit leicht fallender Tendenz verharrt, wachsen Chinas Anteile deutlich (siehe Abbildung unten). Die in China aufgebauten Kompetenzen zeigen sich vor allem in Chinas technologischer Vormachtstellung; die 5G-Technologie dient dabei als Beispiel für Innovation in China.
Mehr zum Innovationsprozess finden Sie in unserem Artikel zum Innovationslebenszyklus.
„Made in China“: Chinas Innovationsplan
Was aus westlicher Sicht schlecht wirkt, ist Chinas großer Vorteil für Innovation: Der Staat gibt der Wirtschaft die Richtung vor. Jahrelang war die Aufschrift „Made in China“ nicht unbedingt ein Gütesiegel. Seit 2015 ist sie jedoch der Titel des Zehnjahresplans, mit dem die chinesische Regierung die Innovation in China steigern und verbessern will. Mit dieser Innovationspolitik setzt sich die Regierung das Ziel, den Westen in bestimmten Branchen zuerst einzuholen und ihn dann zu überholen. Von besonderem Interesse für die Innovation in China sind Bereiche wie neue Energien und Elektroautos sowie High-Tech-IT, Telekommunikation, Robotik und KI. Einige dieser Grundgedanken, ursprünglich in der westlichen Welt erdacht, werden in China zu wegweisenden Innovationen (lesen Sie dazu auch Innovation vs. Invention) weiterentwickelt.
Das bedeutet nicht nur, dass China einen immer größeren Anteil an den Weltmärkten beansprucht. Es bedeutet auch, dass China in bestimmten Branchen zu einem ernsthaften Wettbewerber für entwickelte Industrieländer wie Deutschland oder die USA wird. Es ist anzunehmen, dass sich das erheblich auf künftige Innovationen in China auswirken wird. Die derzeitige chinesische Innovationspolitik stellt den Westen daher vor eine große Herausforderung. Und sie hat einen großen Nachteil: China kann eine langfristige Strategie verfolgen, ohne dass eine wechselnde innenpolitische Lage sie so schnell und so leicht beeinflusst wie in westlichen Ländern. So kann der Staat eine Richtung vorgeben, der Gesellschaft und Wirtschaft folgen müssen. Chinas Wirtschaftssystem ist nicht mehr das, was es einmal war. Doch trotz der Öffnung zum Welthandel wird die Wirtschaft vom Staat gelenkt. Auf diese Weise bedeuten Innovationen in China keinen Vorsprung für ein einzelnes Unternehmen, sondern für das ganze Land.
Darin liegt der große Unterschied zwischen den westlichen Märkten und Chinas Innovationspolitik. Während in westlichen Märkten innovative Ideen und Produkte dazu dienen, sich auf dem jeweiligen Markt einen Vorteil zu verschaffen, dient Innovation in China dazu, sich im weltweiten Wettbewerb einen Vorteil zu verschaffen.
Innovation in China: Blick in eine ungewisse Zukunft
Was bedeutet das für die Zukunft in Europa? Wir müssen neu denken, wie wir Innovation sehen und vorantreiben. Für freie Märkte wird das eine harte Herausforderung. Anders als in westlichen Märkten sind chinesische Unternehmen nicht einmal darauf angewiesen, Innovation vollständig selbst zu finanzieren. Im Rahmen des Plans „Made in China“ unterstützt die Regierung Unternehmen in den ausgewählten Branchen. Das verschafft chinesischen Unternehmen einen deutlichen Vorteil gegenüber westlichen und senkt die Markteintrittsbarrieren. Es bleibt spannend, wie Industriemächte wie die USA und die EU darauf reagieren, denn eines ist klar: Welthandel ohne China ist nicht mehr vorstellbar. Und das Geld, das der Westen einst durch billige Produktion gespart hat, muss nun aufgewendet werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.



